Samstag, 31. Dezember 2016

Auf ein Neues!



Es ist wahr, ich lache oft, aber ich lache nicht darüber, wie Jemand ein Mensch, sondern nur darüber, daß er ein Mensch ist, wofür er ohnehin nichts kann, und lache dabei über mich selbst, der ich sein Schicksal theile. 
(Georg Büchner im Februar 1934 an die Eltern in Darmstadt)


2016 endet und bietet wenig Grund, wehmütig zurück zu schauen. Wir hatten eine ganze Menge guter Tage und trafen viele nette Menschen, und wir wissen, dass es uns damit besser ging als vielen anderen. 

So sehr wir also manches lieber besser hätten, so sehr wünschen wir doch noch viel mehr, dass es 2017 wenigstens niemandem schlechter ginge als uns 2016. Schon das, wir wissen es, wird sich kaum machen lassen. Aber es ist gut zu wissen, dass wir mit diesem Wunsch und der Bereitschaft, dafür zu arbeiten, nicht alleine sind. 

In diesem Sinne:

Auf ein besseres 2017! 



























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Samstag, 3. Dezember 2016

Echter Büchner in falschem Leder gefällig?

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wb) ist die Eigentümerin des traditionsreichen Verlags Lambert Schneider. Dort wie in den weiteren Verlagen der Gruppe (Philipp von Zabern und Theiss) erscheinen regelmäßig Lizenzen der wb, andrerseits produziert die wb Buchgemeinschaftsausgaben der „Originalverlage". Zu den „Büchnerjubiläen" 2012/13 legte die wb eine Werkausgabe Georg Büchners auf, die die Texte der ebenfalls dort erschienenen (und vor einiger Zeit ebenfalls verramschte) große Werkausgabe der Mainzer Akademie („historisch-kritische Marburger Ausgabe”) bietet. Als Herausgeber zeichnen die Herren Beise, Fischer und Funk (Details zu Vita und Werk bietet die hier verlinkte Verlagsanzeige). Die Ausgabe stellt sich neben einige weitere, ebenfalls lieferbare Werkausgaben Georg Büchners; ich persönlich schätze immer noch sehr Henri Poschmanns Ausgabe, zur Zeit im Deutschen Klassikerverlag der Suhrkamp-Gruppe kartoniert in zwei Bänden für 28 € zu kriegen. Die Lambert-Schneider-Ausgabe gibt es zur Zeit beim Verlag in zwei Varianten: die eine zum Sonderpreis von 19,90 (statt früher 39,90). Das ist für eine ordentlich gebundene, zitierfähige Ausgabe ein guter Preis. Ebenfalls lieferbar ist das gleiche Werk dort in einem „Leder"-Einband. Dieses „Leder" ist genau gesagt „Capra"-Leder (auch wenn der Verlag das nirgends erwähnt, mehr dazu unten), das wikipedia sehr schön so beschreibt: „Lederfaserstoff, abgekürzt auch Lefa genannt, ist ein Werkstoff, der aus Chromfalzspänen und zerkleinerten, pflanzlich gegerbten Lederresten der lederverarbeitenden Industrie (Sohlenherstellung, Reitsport- und Orthopädielederherstellung), Naturlatex (Bindemittel), natürlichen Fetten und Gerbstoffen hergestellt wird. Diese „Liebhaberausgabe” kostet sage und schreibe 199 €, ist auf 333 nummerierte Exemplare beschränkt und - hat sich wohl nicht so gut verkauft ... Mitgliedern bietet die wb zur Zeit nämlich dieses Prachtwerk (incl. einer Originalgrafik), ebenfalls aus einer Auflage von 333 Exp (wohl nicht die gleichen 333, sondern mit andersfarbigem Einband eine weitere Auflage...) für gerade noch 49 € (statt früher mal 149 €). Nur in einem online-Antiquariatsangebot des Lambert Schneider-Titels finde ich die korrekte Beschreibung Capra-„Leder”, der Kollege verlangt für sein Exemplar 162,40 €, das könnte sein Einkaufspreis gewesen sein. Es ist und bleibt unseriös, piefige Ausgaben als „besonders” oder „exklusiv” anzubieten und unerfahrenen Kunden vorzugaukeln, damit etwas „werthaltiges” anzuschaffen. Capraleder ist zusammengekloppte Resteverwertung und hat mit einem anständigen Ledereinband so wenig zu tun wie Aldi-Sneakers mit handgearbeiteten Budapestern.
Das Antiquariat „Die Schmiede” bietet übrigens für die, die eine echte, wertvolle Büchner-Ausgabe besitzen wollen, die sehr seltene und gesuchte „Franzos-Werkausgabe” von 1879 für gerade mal 425 € an (das Bild im Titel stammt daraus). Später (wohl um 1900) gebunden, aber immerhin in echtem Halbleder. Und das Antiquariat Dorner bietet die Ausgabe des „Hessischen Landboten” von 1896, für die der Herausgeber Eduard David vor Gericht gebracht wurde, für nicht mehr als 22 € an. Zusammen mit der Poschmann-Ausgabe ist das für keine 500 € schon ein guter Grundstock einer kleinen Büchner-Bibliothek.

Sonntag, 9. Oktober 2016

Fäuste

Am 8.10. sah ich im ziemlich ausverkauften Kleinen Haus die Darmstädter Premiere des Faust. Stefan Benz hat im Darmstädter Echo bereits angekündigt, mit welcher Besetzung Bettina Brunier arbeitet: den Faust geben in verteilten Rollen Samuel Koch und Christian Klischat.



Der querschgnittgelähmte Koch ist wieder zusammen mit seinem Freund Robert Lang, der den Mephisto gibt, auf der Bühne - gelegentlich als „Doppelwesen", wenn Lang den lahmen Koch mit einem rucksackähnlichen Gestell vor der Brust wie ein Doppelwesen trägt und führt. Dabei kommt es zu den stärksten Szenen der Inszenierung, wenn sich die Janusköpfigkeit der Rollen Faust/Mephisto zeigt. Und wenn der hilflose Koch, zitternd und verletzlich, auf der Bühne „abgelegt" zurück bleibt, offenbart sich ein Menschlein in all seiner Schwäche. Das ist großartig gespielt und ein mutiger Einsatz Kochs, buchstäblich mit Leib und Seele. Schade, dass ich den gelegentlichen Rollenwechsel zwischen den beiden „Fäusten" Koch und Klischat nicht verstanden habe. Stefan Benz meint, Koch gebe den schwachen, Klischat den starken, vorantreibenden Faust. Mag sein.

Gute Idee, Teile der Faust-Monologe vom Chor (der „Theaterwerkstatt für Erwachsene", geleitet von Nike-Marie Steinbach) sprechen zu lassen. Wer allerdings Ulrichs Rasches Danton in Frankfurt gesehen, gehört hat, weiß, dass und wie lange der Chor noch üben muss.

In Mareile Kretteks höchst reduziertem Bühnenbild (hier ist beim Theater das Programmheft online zugänglich, das einige Bilder der Inszenierung bietet) bewegt sich eine höchst übersichtliche Schar von Schauspielerinnen. Mehrfachbesetzungen, die ich für die Notlösung darbender Privat- und Provinztheater hielt, haben mittlerweile die großen Bühnen erreicht und werden von der Kritik kaum thematisiert, sei es, weil sie dramaturgisch begründet werden, sei es, weil die Rezensentinnen keine Blick dafür haben. Dabei sind sie natürlich eine Pest für den schauspielerischen Nachwuchs und ein Eingriff in die Intention des Autors. In der aktuellen Inzenierung kann ich jedenfalls keinen dramaturgischen Sinn darin erkennen, dass die Rolle der Martha, der Hexe „u.a.” (Programmheft) oder die des Wagner/Valentin/Hexe/u.a. von jeweils der gleichen Person (Yana Robin La Baume und Florian Federl) übernommen werden. Ich fürchte, es hat mit Geld zu tun.

Kräftig durcheinandergeschüttelt erzählt die Inszenierung eine Faustgeschichte, die kenntnisarmen Besuchern schwer verständlich sein muss. Nun darf in Darmstadt 2016 vom üblichen Staatstheaterpublikum eine Grundkenntnis des Faust erwartet werden. Auffällig, wie das Publikum die berühmten Zitate goutiert, fast mitspricht (und bei "Neige, du Schmerzenreiche" darmstädisch aufseufzt). Da ist die Sehnsucht nach einem Urfaust der Spielgemeinschaft nicht zu überhören.

Am Schluss freundlicher, aber nicht euphorischer Beifall ohne Missfallenskundgebungen.

Dieser Faust wird in Darmstadt für eine Weile auf der Bühne sein, Theatergeschichte macht er nicht.

Alexander Jürgs ist bei Nachtkritik nicht so richtig begeistert.

Marcus Hladek hat in der FNP zu Recht Katharina Susewind als Gretchen erwähnt und gelobt, schließt aber auch: „Einen geschlossen Entwurf vermisst man: Zuvieles ist nur knapp angerissen, zu trivial gestaltet Bruinier ihre Keilereien.” 

Montag, 8. August 2016

Urlaubsreif

Am Freitag kam das Auto aus der Werkstatt, und jetzt war ich noch mal beim Zahnarzt. Spricht nichts mehr dagegen, morgen loszufahren! 

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Peter Brunner  Bergstraße 1   D- 64319 Pfungstadt   06157/ 93 01 37

Freitag, 8. Juli 2016

Meine Madeleines* und ein Stück Familiengeschichte

Der Beitrag im Darmstädter Echo vom 8.7.16
 - (noch?) nicht online zu finden 
Das Darmstädter Echo hat kürzlich dazu aufgerufen, zur Rubrik „mein Rezept” Vorschläge einzureichen. Gerade hatte ich mir bei meiner Schwester das bei mir wieder mal verlorene Kirschenmichel-Rezept meiner Familie abfotografiert und kurz danach ein Bild vom Ergebnis auf Facebook gepostet. So lag es nahe, die beiden Bilder auch per Mail ans Echo zu schicken.
Mein Kirschenmichel 
Wolfgang Görg hat heute morgen einen netten Artikel daraus gemacht und mich auf die Idee gebracht, jedenfalls diese Essens-Geschichte meiner Familie - und vielleicht gelegentlich mehr - hier ausführlicher zu erzählen. 

Meine väterlichen Großeltern waren Pfungstädter Bauern, meine Großmutter Elisabeth (* 1894) aus langer Familientradition (ihre Mutter war eine geborene Crößmann, das ist Pfungstädter Ur-Adel ...), mein Großvater Adam (* 1895) eher wider Willen nach Kaufmannslehre bei Merck und einer leichten Behinderung aus dem ersten Weltkrieg. Nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft haben sie, von den Familien vermittelt, am 1. März 1919 geheiratet. Tatsächlich waren die beiden kein klassisches Bauernpaar. Mein Großvater fand schnell die Gelegenheit, seine kaufmännischen Qualitäten einzusetzen und wurde Gründungsmitglied und „Rechner” der Pfungstädter Molkereigenossenschaft. 

Fest verankert in der pietistischen „Landeskirchlichen Gemeinschaft” hat er den „Jugendbund für entschiedenes Christentum” in Pfungstadt mitgegründet. Jahrzehntelang fanden die Gemeindeversammlungen in dem stattlichen Fachwerkhaus statt. Trotz all dem - und ich glaube, notgedrungen -  stand die Landwirtschaft im Mittelpunkt ihres Lebens. Im Dezember 1919 wurde mein Vater Willy geboren, 1921 die Tochter Katharina (Kätha) und 1924 der Sohn Adam. Mein Vater war ein so guter Schüler, dass man ihm den Besuch des Gymnasiums in Darmstadt erlaubte und an seiner Stelle Adam, den jüngeren Bruder, auf die Übernahme der Landwirtschaft vorbereitete. Die Eltern Adam und Elise arrangierten sich mit ihren Interessen - sie hatte keine Lust auf Hauswirtschaft, er keine auf Landwirtschaft. So wurde sie die Bäuerin, die von Morgens bis Abends mit den Pferden auf die Äcker zog und schwer in der Landwirtschaft „ackerte”, und er der Kaufmann, der, soviel ich weiß stets ehrenamtlich und unbezahlt, bis in die sechziger Jahre  viele Stunden in der Verwaltung der Genossenschaft verbrachte. „Natürlich” hat er trotzdem täglich lang und schwer im Stall und auf dem Hof gearbeitet. Die eigentliche Hauswirtschaft übernahm eine der drei unverheirateten Schwestern meines Großvaters, Katharina Brunner (* 1893), die aus ihrem Elternhaus in Arheilgen nach Pfungstadt geholt wurde.  

Die 40 Morgen - 10 ha - Land und vielleicht 12 Kühe, 2 Pferde, ein paar Schweine, Hühner und die Lieblingen meines Großvaters, große weiße Ziegen, ernährten neben der so sechsköpfigen Familie noch einen Knecht und eine „Gemeindeschwester” der „Liebenzeller Mission”, die jahrzehntelang ein Zimmer im Haus bewohnte. Das Leben in der Enge des äußerlich großen, tatsächlich aber durchaus bescheiden bemessenen Wohnhaus ist heute kaum noch vorstellbar -  bis in die fünfziger Jahre gab es kein Bad und keine Toilette im Haus. 



Zwischen 1945 und 1947. Meine Großeltern Elisabeth und Adam Brunner (hinten Mitte), rechts hinten Susanne „Sanny” Brunner, eine weitere Schwester meines Großvaters, vorn links die Tochter Katharina, daneben unten in der Mitte die Schwester meines Großvaters, die „Hausköchin” Käthe Brunner, rechts vorne Willi Leichtweis, der Schwiegersohn. Das Mädchen auf Käthas Schoß ist wahrscheinlich meine Großkusine Edeltraud. Der Schäferhund hieß Senta. Die beiden links hinten sind mir leider nicht bekannt - vielleicht die Nichte meines Großvaters, Änne, mit ihrem Mann Hans? 


Kätha übernahm souverän die Hausfrauenaufgaben, auf die ihre Schwägerin keine Lust hatte, und wurde zu einer begnadeten Köchin. Ich glaube nicht, dass sie jemals wer gefragt hat - vielleicht nicht einmal sie sich selbst - ob sie vielleicht ein anders Leben lieber leben würde. Zur Arbeit in Pfungstadt gehörte nicht nur die tägliche Versorgung, sondern auch Vorratshaltung - natürlich wurde in großem Stil „eingemacht” - und das Kochen bei Familienfesten und bäuerlichen Sondereinsätzen wie dem herbstlichen Dreschen. Irgendwann gesellte sich zu der Großfamilie noch ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das sein Gehör nach Misshandlung durch ihren Vater früh verloren hatte und ein einfaches Gemüt und ein treue Seele hatte. Katharina Poppert - „das Bobberts-Käthchen” - lernte schnell, von den Lippen zu lesen, allerdings nur das ihr von Kindheit an vertraute Pfungstädter Platt, das sie bis auf ihre alten Tage in völlig unverfälschter Form der 1910er Jahre sprach, und lebte als „Faktotum” jahrzehntelang im Haushalt mit.  

Beide Söhne mussten Soldat werden - mein Vater zog 1939 als „Einjähriger” in den „Frankreichfeldzug", von wo er bald und heil zurückkam. Er nahm dann statt des eigentlich gewünschten Theologie-Studiums, für das er nicht vom Kriegsdienst freigestellt worden wäre, ein Maschinenbaustudium in Darmstadt auf, aus dem er später erneut, diesmal in den „Afrika-Feldzug”, abberufen wurde. 1944 ist er auf dem „Rückzug” in Italien unverletzt in britische Gefangenschaft gekommen und hat den Rest des Krieges in einem nordafrikanischem Gefangenenlager der Briten verbracht, aus dem er im Januar 1948 zurückkam, kurz bevor seine Schwester Kätha, die inzwischen den Eschollbrücker Bauern Willy Leichtweis geheiratet hatte, im Kindbett starb. Mein Onkel Adam war  am 26. April 1944 in Russland gefallen.  

Damit waren alle Pläne der Familie gescheitert - weder der Sohn Adam noch der Schwiegersohn, der nach dem Tod der seiner Frau irgendwie als nicht mehr zur Familie gehörend behandelt wurde, übernahmen die Landwirtschaft, die in den fünfziger Jahren immer weiter zurückgefahren und schließlich aufgegeben wurde. 


Meine Eltern Willy und Irmgard mit meinen Schwestern
und einem der Familienlieblinge. Ca. 1952 an genau dem gleichen Ort
im Hof des Bauernhauses fotografiert wie das Familienbild weiter oben. 


Mein Vater hat 1948 geheiratet, das Theologiestudium aufgenommen und ist Pfarrer geworden. Auf seiner ersten Pfarrstelle im rheinhessischen Badenheim, wo ich 1956 geboren wurde, hat ihn Martin Niemöller, der Kirchenpräsident, ordiniert.  

Für mich sind Kätha Brunners Rezepte, die wohlhabend-bäuerliche Küche meiner Ahnen, ein wichtiges Stück Familientradition. Sie zog in den fünfziger Jahren zurück zu ihren Schwestern nach Arheilgen zurück und lebte dort mit ihnen bis zu ihrem Tod 1972. Erneut übernahm sie die Rolle der Köchin, und das Haus war stets von Geruch und Geschmack ihrer Arbeit erfüllt. Reichhaltige Suppen, Braten und Soße, Klöße (natürlich aus gekochten Kartoffeln) und Kuchen (riesige Bleche voller üppiger Hefekuchen) werden in meinen Träumen immer  aus Käthas Küche kommen und nie wieder so gut schmecken, wie sie die machen konnte. Auch Latwerge und eingekochte grüne Bohnen habe ich nie wieder in der Qualität gegessen. Meine Mutter hat viele ihrer Rezepte aufgeschrieben und unverändert zubereitet, so eben auch den Kirschenmichel, den wir immer noch alljährlich zur Kirschenzeit backen. Bei Käthe wäre der übrigens nie, wie heute bei uns, als vollständige Mahlzeit auf den Tisch gekommen - ebenso wie später im Jahr vor dem Quetschekuchen hätte es zunächst einen ordentlichen Eintopf, wahrscheinlich eine Kartoffelsuppe, gegeben. 


Käthas Kirschenmichelrezept, von meiner Mutter aufgeschrieben


„Natürlich” war auch meine Mutter eine ordentliche Hausfrau und gute Köchin. Mein Vater starb schon 1964, und sie musste mit drei Kindern aus dem Pfarrhaus zurück in die Enge des Pfungstädter Schwiegerelternhauses. Aber das ist eine andere Geschichte. 

* in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” öffnet der Geruch von in Tee getauchtem Gebäck die Erinnerung. In der FAZ hat Volker Stollorz hier darüber geschrieben. 







Montag, 4. Juli 2016

Ein Wesen, das verachtet seinen Stamm, kann nimmer fest begrenzt sein in sich selbst *

Während des Heinerfestes macht die Darmstädter Stadtkirche regelmäßig die „Landgrafen-Gruft” unter dem Chor zugänglich. Gestern habe ich mir ansehen können, wie das aktuelle „Haus Hessen" die Grablege der (nicht ganz so unmittelbaren..) Vorfahren „pflegt”.

Stadtkirche Darmstadt. Der meist geschlossene Abgang zur Gruft im Chor
Die beiden kleinen Räume sind reich stukkiert und machen einen deutlich renovierungsbedürftigen, aber nicht verfallenen Eindruck. „Unter dem Chor liegen zwei stuckverzierte Gewölbe, die seit dem Tod Georgs I. (1596) als Begräbnisstätte des Fürstenhauses dienten, bis sie durch die Mausoleen auf der Rosenhöhe abgelöst wurden. Die Fürstengruft wurde von Ludwig V. 1615/17 ausgebaut und geschmückt.” (Stadtlexikon Darmstadt)
Landgrafengruft. Erster Raum

Landgrafengruft. Zweiter Raum 
Dicht an dicht stehen die Särge der frühen Landgrafen, ihrer Ehefrauen und einiger Verwandter. Eine ins Auge fallende Besonderheit ist das von der Decke hängende Silbergefäß mit dem Herzen von Georg von Hessen-Darmstadt (1669 - 1705), dem „Gibraltar-Schorsch, der die Halbinsel 1704 für die Briten eroberte. 
Die silberne Kapsel mit dem Herzen von Georg von Hessen-Darmstadt


Die Beschriftung auf dem Sarg des ersten hessischen Landgrafen 
Die Särge der hessischen Landgrafen (v.l.o n.r.u.)
(bis auf den letzten, Ludwig IX, der in Pirmasens beigesetzt wurde)
1568–1596: Georg I., 1596–1626: Ludwig V.,  1626–1661: Georg II.,
1661–1678: Ludwig VI., 1678: Ludwig VII., 1678–1739: Ernst Ludwig.
1739–1768: Ludwig VIII. 

















Schon die höchst provisorische Beschriftung der Särge ist, bei aller Distanz zu Heldenverehrung und Monarchiesehnsucht, dem Ort und seiner Bedeutung nicht angemessen. Mit ein paar Benefiz-Veranstaltungen in den fürstlichen Liegenschaften Hessicher Hof und Schloßhotel Kronberg oder einer Sonderedition vom ebenfalls fürstlichen Weingut Prinz von Hessen könnte den schlimmsten Defiziten leicht und schnell abgeholfen werden ...

Im Boden des ersten Raums findet sich eine Falltür, durch die ein - inzwischen verschütteter -  unterirdischer  Zugang zum Schloss erreicht werden konnte.




*Shakespeare. King Lear (IV, 2)

ALBANY
O Goneril!
You are not worth the dust which the rude wind
Blows in your face. I fear your disposition:
That nature, which contemns its origin,
Cannot be border'd certain in itself;

She that herself will sliver and disbranch
From her material sap, perforce must wither
And come to deadly use.


Sonntag, 3. Juli 2016

Dreissigtausend Fadenenden - man webe hinein einen dreifachen Fluch!


Am 2.7. berichtet Annette Krämer-Alig im Dramstädter Echo über ein bedeutendes Kunstwerk der Region, seine Geschichte, seine Restaurierungsbedürftigkeit und über Bestrebungen, dem mittels Spenden beizustehen: „30 000 Fadenenden von acht Einzelteilen (sínd zu) einer 3,75 mal 2,25 Meter großen Leinwand säuberlich zusammenzuführen und zu verkleben. ... Damit die Arbeit vollendet werden kann, braucht es jedoch weitere Spenden, weshalb die „Freunde des Schlossmuseums“ weiter für ihr Projekt werben. So kann jeder symbolhaft einen Teil der alten Bergstraße „kaufen“: Auf der Internet-Seite bietet der Verein das Bild quasi in Stückchen an." („Die Fäden werden geknüpft”. DE am 2.7.2016)

Es geht um ein riesiges, beeindruckendes Bild von Johann Tobias Sonntag aus dem 18. Jahrhundert, das in einem sensationellen  Panorama den Blick vom Melibokus nach Westen dokumentiert.

„Landschaft und Kultur an der Bergstraße" hieß eine Veranstaltungsreihe der „Kulturstiftung für die Bergstraße”, die ich besucht und über die ich bisher nicht berichtet habe. Am 20. Januar referierte Dr. Rainer Maaß vom Darmstädter Staatsarchiv über „Prospekt von dem Meliboco und dessen Gegend“: das Gemälde des Darmstädter Malers Johann Tobias Sonntag von 1747 als Momentaufnahme der Landschaft. 

Die Präsentation des Restaurierungsprojektes im Januar 2016 im Zwingenberg.
Links und rechts Cristof Gebhardt und Christina Lange-Horn vom Schloßmuseums-Verein, 
mitte Prof. Dr. Joachim Felix Leonhard, Vorsitzender des Kuratoriums der Kulturstiftung für die Bergstraße  

Das außergewöhnliche Bild, das in der Tat eine kaum zu unterschätzende dokumentarische Bedeutung für die vordere Bergstraße hat und dessen Erhalt und Restaurierung jede Unterstützung verdient, befindet sich in der Obhut des Darmstädter Schlossmuseums, dessen rühriger Freundeskreis mit der witzigen Idee wirbt, einem selbst auszuwählenden bestimmten Stückchen ganz konkret zur Restaurierung zu verhelfen.

Nun wäre diesem Projekt, wie es Frau Krämer-Ahlig offenbar tut, von Herzen das Allerbeste zu wünschen und zu weiterer Unterstützung aufzurufen, wäre da nicht ein Hinweis, der bei nicht ganz geschichtsvergessenen Darmstädtern alle Alarmsignale läuten läßt: „1998 erhielt die Hessische Hausstiftung des einstigen Fürstenhauses Hessen es in beklagenswertem Zustand zurück” schreibt Frau Krämer-Ahlig. 20 Jahren hat es offenbar gebraucht, bis die schlaue Idee aufkam, die nötige Sanierung - sagen wir mal stiften gehen zu lassen. Die Hessische Hausstiftung hat sich in der Vergangenheit allerdings nicht gerade als verantwortungsvolle Wahrerin von Geschichte und - insbesondere - Kulturschätzen erwiesen, die dem Reichtum unserer Heimat entstammen (und welche aus Gründen in der Vergangenheit zu deren Privatbesitz wurden, die wir heute - sagen wir mal mit gewisser Distanz betrachten). 

Man stelle sich vor: das wunderbare Bild wird in absehbarer Zeit glänzend restauriert und als einzigartiges Dokument unserer Heimat präsentiert, um dann in den Schacher um die nächste Erbschaftssteuerangelegenheit einbezogen zu werden. 

Welcher verdienstvolle, vermögende, mäzenatische Privatsammler dann in die Bresche springen darf und den nächsten hessischen Schatz an die Wand seiner Trophäen nageln darf, ist dann eigentlich schon egal. 

Bei aller Sympathie für die Bewahrung des Bildes bleibt mir leider nur, die Öffentlichkeit dringend davor zu warnen, diesem Projekt auch nur einen Cent zu überlassen, solange das Eigentum daran nicht unwiderruflich und für alle Zeit einem kontrollierten öffentlichen Träger übergeben wurde. Es kann nicht angehen, dass Spenden zum Erhalt eines Kunstwerks an private Eigentümer geleistet werden, die dadurch ohne jede Verpflichtung auch noch wohlhabender werden als sie es ohnehin schon sind. 

Im Mai 2012 schrieb ich an anderer Stelle:

So. Jetzt sind wir zurück und haben einen wunderbaren Tag im schönen Schwäbisch Hall verbracht. Unbedingt eine Reise wert: schon der schöne Biergarten auf der Kocherinsel lohnt sich. Schließlich waren wir in der Johanniterhalle, wo Herr Würth seine unglaubliche Sammlung alter Meister zeigt.

Als Höhepunkt wird die Holbeinsche Schutzmantelmadonna präsentiert, und die Berichte über die Ausstellung hatten mich schon fast ein bisschen mit dem Schmerz des Verlustes und dem Ärger über die ignoranten nordhessischen Beutefürsten getröstet. Leider ist es nicht dabei geblieben. Das großartige Bild, dessen Fortführung in Darmstadt zu Recht auf großes Unverständnis gestoßen ist, wurde gründlich restauriert und ist heute hinter doppeltem Glas präsentiert. Auf mich wirkte es wie ein sensationell gut gemachtes - Dia. Alles, was Aura eines Kunstwerkes sein kann, ist hier verloren. Darüber hinaus kann ich mich des Gefühles nicht erwehren, dass Herr Würth nur eher zufällig keine Hirschgeweihe jagd, sammelt und an die Wand hängt, sondern alte Meister. So gesehen fehlt noch der durch das Bild geschlagene Nagel zum Aufhängen.


Die Darmstädter Madonna im Würth'schen Trophäensaal 

Trotzdem - die Darmstädter Madonna ist am falschen Platz.

Und dass zwar der nordhessischen Fürstenfamilie aufs eindringlichste gedankt wird (dafür, dass sie 60 Millionen angenommen haben?), aber der Name der Stadt Darmstadt an keiner Stelle erwähnt wird, ist auch kein Zufall.

Natürlich hängt da auch sonst noch atemberaubendes aus mehreren Jahrhunderten, und das Museum erlaubt dabei erfreulich nahe, eindringliche Wahrnehmung dieser Bilder.


Ich hoffe, dass ich ähnliches nicht eines Tages auch über den „Prospect von dem Meliboco” schreiben muss.

Sonntag, 19. Juni 2016

Ein Sonntag Nachmittag bei Lichtenberg

Der hier ja schon im Titel zitierte Georg Christoph Lichtenberg war der Sohn, und zwar das 1742 geborenes 17. (!) Kind, des Ober-Ramstädter Pfarrers Johann Conrad Lichtenberg (* 1689). Über dessen „Nebentätigkeit” als Architekt und Baumeister hat Martel Döring für den rührigen Verein für Heimatgeschichte im ehemaligen Rathaus eine Ausstellung eingerichtet.

Beginnend mit eben diesem Ober-Ramstädter Rathaus hat er seit 1732 sage und schreibe 12 Kirchen und 5 Profanbauten errichtet. Die Ausstellung stellt sie alle auf gut gemachten Text- und Bildtafeln vor und zeigt dazu in Vitrinen Schriftdokumente der Baugeschichte.

Häufig wurde Lichtenberg gerufen, wenn es galt, baufällige Gebäude zu ersetzen, und meist hat er Bestandteile der Vorgängerbauten erhalten - die Grundrisse und Kirchtürme blieben häufig (bis auf die neue Bedachung) unverändert.

Eine akademische Ausbildung zum Architekten gab es im 18. Jahrhundert noch nicht; Lichtenberg hat während seiner Studienzeit stets auch Vorlesungen im Mathematik, wo eben auch Baulehre unterrichtet wurde, gehört.

Einer seiner Bauten ist die Pfungstädter Kirche, zu der ein Dokument des letzten Zentgrafen H. H. Welcker gezeigt wird und die baulich bis heute unverändert blieb (wenn auch die farbliche Innenausstattung ganz anders wurde).

Zentgraf Welcker aus Pfungstadt beauftragt am 7. Mai 1751
einen Transport für den Kirchenbau in Pfungstadt 

Ich schätze von seinen Bauten ganz besonders die schöne Kirche von Neunkirchen,  die in ihrem Innerern so ganz besonders deutlich das Prinzip der protestantische „Predigerkirche” zeigt; die Bänke für die Gemeinde sind dort im Dreiviertelkreis um Altar und Kanzel angeordnet. Einzig dieser Aspekt fehlt der Ausstellung: Lichtenbergs Kirchen sind programmatisch protestantisch - Altar und Kanzel stehen im Zentrum der Gemeinde.

Neu war mir, dass auch das Darmstädter Waisenhaus von ihm errichtet wurde. In nur zwei Jahren, zwischen 1748 und 1750, entstand ein Bau, der von Struktur und Plan auf Lichtenbergs Kenntnis von den Gebäuden der Franckeschen  Stiftung in Halle zurückgeht.


Das schöne Modell des 1944 zerstörten Gebäudes
gehört zum Bestand des Ober-Ramstädter Heimatmuseums 


1831 wurde das Gebäude Heimstatt des „Pädagog”, des Darmstädter Gymnasiums, nachdem dessen ursprünglicher Bau, eben das „Pädagog” in unmittelbarer Nachbarschaft zu klein geworden war. Während Georg Büchner und sein Bruder Wilhelm noch im Altbau unterrichtet wurden, wurde dies die Schule der jüngeren Brüder Ludwig und Alexander. Es stand am heutigen Standort von Sporthalle und Sportplatz des „Ludwig Georgs Gymnasiums”.

Die Ausstellung ist ein schönes Ziel für einen Sonntag-Nachmittags-Ausflug nach Ober-Ramstadt und liefert ein gut recherchiertes Detail zur Familiengeschichte Lichtenbergs und zur bauhistorischen Heimatkunde. Ihr Besuch gehört übrigens auch zum Programm der bevorstehenden Jahrestagung der Lichtenberg-Gesellschaft vom 1. - 3. 7. 2016. Details zu Öffnungszeiten und der ebenfalls lohnenswerten Dauerausstellung finden sich hier. 




Dienstag, 14. Juni 2016

Was für ein Geburtstagsfest!


Die Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft hat zu Luise Büchners 195. Geburtstag am 12. Juni 2016 zu einer Benefiz-Veranstaltung für das geplante Denkmal für Luise Büchner eingeladen, bei der prominente Darmstädterinnen mit Texten der Jubilarin an Leben und Werk der frühen Frauenrechtlerin erinnerten.



Die Vereinsvorsitzende Agnes Schmidt



Die Vorsitzende Agnes Schmidt begrüßte im Darmstädter Literaturhaus eine erwartungsvolle Geburtstagsgesellschaft.

Alle vortragenden Frauen haben ihre eigenen Erfahrungen mit der Durchsetzung von Frauenrechten gemacht, und alle bemerkten, dass das Erreichte Frauen wie Luise Büchner zu verdanken ist.



Brigitte Zypries, Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und gerade neu gewählte Vorsitzende der Darmstädter SPD

Brigitte Zypries las Luise Büchners Text über ihren ersten Berlin-Aufenthalt, bei dem sie noch vor der Reichsgründung in der preußischen Hauptstadt den Lette-Verein und seine Einrichtungen besuchte. Der heutige Sitz des Lette-Vereins in Berlin ist übrigens ein Gebäude, das ausgerechnet der Darmstädter Alfred Messel errichtet hat.

„Was sind alle Maschinen, alle Erfindungen der Neuzeit im Vergleich zu der lebendig wirkende Kraft menschlichen Geistes, der Jahrtausende lang brach gelegen und nun endlich seinem unnatürlichen Schlummer entrissen wird? Mag es Schwachheit sein, aber es ist für mich ergreifender und rührender, als irgend sonst etwas, wenn ich solch ein Haus betrete, wo die ersten schwachen Keime dieser geistigen Befreiung und Veredlung gepflegt und gekräftigt werden. Jetzt erst fängt man an, dieses geistige Kapital auch um seiner selbst willen zu schätzen, zu retten, nachdem abermals materielle Gründe oder die Not des Lebens den ersten Anstoß dazu gegeben haben. [...]”



Der heutige Bau des Lette-Vereins in Berlin am Viktoria-Luise-Platz,
errichtet 1901/2 von Alfred Messel







Ruth Wagner, Ex-Landesministerin,. Ex-MdL, Ehrenvorsitzende der hessischen FDP, Kuratoriums-Vorsitzende des Kulturfonds Frankfurt RheinMain

Ruth Wagner hatte selbst zwei Texte aus Luise Büchers „Die Frauen und ihr Beruf” ausgewählt. Neben der Aufforderung an junge Frauen, sich durch Lernen auf das Leben vorzubereiten, trug sie noch ein schönes Zitat zur „ledigen Frau” vor, das sie selbst mit dem Hinweis ergänzte, wie sinnvoll und erfüllend gerade für Ledige die Familienrolle der „Gode” - der Patentante - sein könne. Eine Rolle, die bei den Büchners unseres Wissens eher Mathilde eingenommen hat; allerdings sind Luise Büchners schöne „Weihnachtsmärchen” wohl aus dem Erzählen für Ludwig Büchners Kinder Georg und Mathilde entstanden.


„O, ihr rosigen Kinder, euren Frohsinn und eure Heiterkeit möchten wir um keinen Preis der Welt euch rauben, ihr sollt Rosen in´s Haar flechten und das weiße Gewand tragen, aber darunter die Rüstung der Pallas Athene.“

Karin Wolff, Ex-Ministerin, MdL 

Karin Wolffs Text von Luise Büchner beschäftigte sich mit Mädchenbildung - „ausgerechnet”, wie die frühere Kultusministerin lächelnd bemerkte.


„So wagen wir denn zu behaupten, dass meist nur der Schein der Bildung an den Ausgangspforten fast aller unsrer höheren weiblichen Institute und Schulen zu finden ist und noch dazu häufig mit einer unangenehmen Prätension verbunden. Selbst der Einwurf, dass es überall wirklich gebildete Frauen gäbe, kann hier nicht gelten. Die strebenden und denkenden Frauen sowohl unserer als früherer Tage, verdanken ihre gründlichere Bildung nur in den seltensten Fällen der Belehrung, die sie in der Schule empfingen. Entweder war ihnen dieselbe durch glückliche häusliche Verhältnisse vermittelt, oder sie haben sie sich erst später durch eigene Kraft und Anstrengung erworben, mit manchem vorwurfsvollen Rückblick nach der schlecht genützten Schulzeit und manchem sauren Schweißtropfen des früher Versäumten nachzuholen. Diese Beispiele könnten den hinlänglichen Beweis liefern, dass der Fehler keineswegs in der weiblichen Natur überhaupt zu suchen ist, wohl aber darin, dass man dieser Natur nicht auf die richtige Weise entgegenkommt.”



Daniela Wagner, Ex-MdB, Vorsitzende der hessischen Grünen

Daniela Wagner trug Luise Büchners späten Bericht über studierende Frauen in Zürich vor. Kenner ihres Werkes konnten hier besonders deutlich wahrnehmen, wie sich Luise Büchners Haltung zur „Eignung” von Frauen für verschiedene berufliche Tätigkeiten mit ihren Erfahrungen und Erkenntnissen entwickelten: noch heute wird sie häufig für ihr Lob des „Hausfrauentums” gescholten, das sie allerdings von Anfang an zu professionalisieren suchte, während sie doch tatsächlich immer eine Protagonistin weiblicher Berufstätigkeit war.


„Nicht auf das, was geschieht, sondern wie es geschieht, kommt es hier an, denn ich teile durchaus nicht die Ansicht, welche vor einiger Zeit wieder ein gelehrter Herr Professor in einem Vortrag in Rostock über das Studium der Medizin geltend gemacht hat, dass es für die kurze Zeit unserer Lebensdauer kaum angemessen und nicht der Mühe wert sein dürfte, Frauen vermeintlich vollkommener zu machen, als sie bereits seien. Nach Jahrtausenden will er sich die Sache eher gefallen lassen, denn er meinte, einen Satz des alten Turnvaters Jahn zitierend: Alles, was so ist, wie es sein soll, muß so bleiben, wie es ist. Ein schöner Grundsatz, von dem nur zu bedauern, dass ihn nicht schon Adam und Eva im Paradies gekannt und befolgt hatten und den bewussten Apfel am Baum hängen ließen. Aber der Apfel blieb nicht und so wird auch unsere Generation schwerlich noch einige Jahrtausende warten, um Begünstigungen zu erstreben, die ihr jetzt begehrenswert erscheinen. Wahrlich, die Frauen haben lange und geduldig genug darauf gewartet, bis man hier und dort endlich anfängt, ihnen die freie Disposition über ihre geistigen Kräfte zuzugestehen. [...]”



Kerstin Lau, Fraktionsvorsitzende von „Uffbasse” im Darmstädter Stadtparlament

Kerstin Lau las einen kämpferischen Aufruf Luise Büchners zur Erkämpfung und Verteidigung des Rechtes aller Frauen auf Bildung und Berufsausübung.


„Die Frau soll hinfort von keiner Art der Arbeit, sei sie mechanischer oder geistiger Natur, mehr ausgeschlossen sein, für welche sie ihre Befähigung tatsächlich erwiesen hat. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es zweier Wege: einen, der ihr den Eintritt in solche Arbeitsgebiete eröffnen wird, die ihr bis dahin noch verschlossen waren, den andern, welcher sie für jede Art der Arbeit genügend vorbildet und erzieht. In diesen zwei einfachen Sätzen konzentriert sich zunächst alles, was für die Lösung der „Frauenfrage“ zu tun ist. – Bis zu welchem Grade diese Frage, sowie die von der künftigen sozialen Stellung der Frau von höchster Bedeutung geworden ist, und wie sie die ganze zivilisierte Welt in Bewegung setzt, wie sie selbst die vorzugsweise romanischen Länder, Spanien und Italien ergriffen hat, beweist der Umstand, dass in Italien bereits seit dem vorigen Jahr ein Blatt ins Leben trat, unter dem Titel: La Donna, die Frau. Auch in Deutschland ist unsere Zeitschrift nicht das erste in seiner Art, in der umfassenden Weise jedoch, wie wir es auszuführen hoffen, noch neu. Gestützt auf den Vereinsverband, welcher sich bei der im Spätherbst 1869 zu Berlin stattgehaltenen Frauenkonferenz begründet hat, tritt der „Frauenanwalt“ ins Leben mit der klaren und festen Tendenz, fern von jeder Phrasenschneiderei und jedem Aufstellen unnützer Theoreme, die wirkliche Bedürfnisse des weiblichen Geschlechts ins Auge zu fassen und jene Erfahrungen zu verbreiten, welche zu der praktischen und endgültigen Lösung der aufgeworfenen Fragen führen.”



Sigrid Schüttrumpf, Schauspielerin am Staatstheater Darmstadt

Sigrid Schütrumpf schloss die Vorträge mit dem Nachruf der Frauenrechtlerin Marie Calm auf Luise Büchner, „der rüstigen Vorkämpferin für Frauenbildung, der begabten Dichterin, der edlen, liebenswürdigen Frau”.











Die Deutsch-Niederländische Pianistin Susanne Hardick

Mehr als eine Begleitung war das Klavierspiel der wunderbaren Susanne Hardick, die mit hervorragend ausgesuchter Musik und kraftvollem Spiel brillierte.


Schließlich sprach die frühere Lehrerin Gisela Scheiber, Präsidentin der Darmstädter Soroptimist International, darüber, wie sehr sie dieser Nachmittag angeregt hat, sich mit Luises Büchners Werk und dessen manchmal verblüffender Aktualität auseinanderzusetzen. Sie überbrachte neben Grüßen eine Geldspende ihres Vereins von 1.500 €, die bei einem Flohmarkt und der Versteigerung eines Bildes für das Projekt „Ein Denkmal für Luise Büchner” zusammengekommen sind. 


Gisela Scheiber, Präsidentin von Soroptimist International Darmstadt, übergibt einen Spendenscheck




Gisela Scheiber und Kerstin Kranich (links) mit dem erfolgreich versteigerten Bild der Künstlerin Barbara Bredow



Mit der erfolgreichen Veranstaltung wurde ein wichtiger Meilenstein für die nötige Finanzierung des geplanten Denkmals gesetzt. In den nächsten Wochen werden Vorstandsmitglieder die beauftragte Künstlerin in Berlin aufsuchen und den Entwurf mit ihr besprechen; im Herbst wird die Werbung für die Finanzierung fortgesetzt und voraussichtlich zum Gründungsjubiläum der Darmstädter Alice-Vereine im Sommer 2017 kann das Denkmal errichtet werden. 


Die Luise Büchner-Gesellschaft in Darmstadt widmet sich seit 2010 der  

  • Forschung und Publikation zur Geschichte der Frauen,
  • Erhaltung und Pflege des Werkes der Schriftstellerin, Journalistin und Frauenpolitikerin Luise Büchner,
  • Pflege der Erinnerung an das Leben und Werk der Geschwister von Georg Büchner
  • Förderung der Luise-Büchner-Bibliothek des Deutschen Frauenrings e.V. durch Beschaffung wichtiger Werke zur Frauengeschichte.
Herzlich willkommen sind neben Spenden für das Denkmal-Projekt auch ständig neue Mitglieder, die damit das reichhaltigeVeranstaltunsgprogramm (in Kürze erscheint das Angebot II/2016) unterstützen (und vergünstigt besuchen können).

Sonntag, 5. Juni 2016

Hin, bevor sie weg sind! „Das imaginäre Museum” im Frankfurter mmk2


Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst ist Darmstädtern ja schon deshalb dringend zum regelmäßigen Besuch anzuraten, weil es als Grundstock eine Sammlung beherbergt, die ihnen wegen Ignoranz und Dilettantentum verloren ging. Es war nämlich bekanntlich nicht gelungen, binnen mehr als einem Jahrzehnt das den Ströhers als Dauerleihgeber versprochene, angemessene Ausstellungsgebäude zu errichten. Als schließlich der ungeliebte „Kargel-Bau” doch noch fertig wurde, waren die Bilder bereits abgezogen und schmücken heute das „Tortenstück” des Museums für Moderne Kunst - mmk - im Schatten des Frankfurter Doms.



Cooler Eingang im coolen Café zur coolen Ausstellung


Seit einiger Zeit unterhält dieses tolle Museum auch noch zwei „Dependancen” als mmk2 (mehr unten) und mmk3 (direkt gegenüber im ehemaligen Frankfurt Hauptzollamt). Zur Entstehung heißt es auf der Website:


„Die Immobilienentwickler des TaunusTurms haben dem MMK diese Fläche für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Kosten für den Betrieb der neuen Dependance übernehmen die Gründungspartner des MMK 2 und weitere private Förderer. Damit ist das MMK 2 ein innovatives und ökonomisch nachhaltiges Modell der Museumserweiterung, das aus vorhandenem Raum und mit vereinten Kräften starker und engagierter Partner etwas Neues entstehen lässt. ... Die neue Dependance des MMK, das MMK 2, präsentiert im TaunusTurm zweimal im Jahr wechselnde Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung unter aktuellen thematischen Schwerpunkten. Künstlerische Arbeiten aus den umfangreichen Beständen des MMK werden zu aktuellen Fragestellungen in Beziehung gesetzt und mit Neuproduktionen ergänzt. Dieses speziell für das MMK 2 entwickelte Ausstellungsformat bewegt sich zwischen Sammlungspräsentation und temporärer Themenausstellung. Der Ausstellungswechsel nach sechs bis acht Monaten erlaubt die Entwicklung vielfältiger Szenarien und bietet langfristig die Möglichkeit, die vielen verborgenen Schätze der Sammlung sichtbar zu machen und sie in neue Zusammenhänge zu stellen.”


Ich weiß nicht, ob und wie dieses Modell auch Kritik verdient hat; der Ort präsentiert sich jedenfalls ganz wörtlich „cool” mit Zugang durch ein ebensolches Café, in dessen Hintergrund ein Aufzug in den zweiten Stock transportiert. Dort habe ich gestern die Ausstellung „Das imaginäre Museum” gesehen. Auf der Museumswebsite heißt es:

„Den konzeptuellen Ausgangspunkt für diese Ausstellung bildet eine Zukunftsvision: Wir schreiben das Jahr 2052. Die Museen sind von der Auslöschung bedroht und die Kunst verschwindet aus der Gesellschaft. Vor dem Hintergrund eines solchen Science-Fiction-Szenarios werden über 80 Hauptwerke der zeitgenössischen Kunst vereint. Drei große europäische Sammlungen verbinden sich zu einem transnationalen Museum auf Zeit. Die Bandbreite der gezeigten Werke reicht von bedeutenden künstlerischen Positionen aus den 1920er-Jahren bis in die jüngste Gegenwart. Unter anderem sind Arbeiten von Louise Bourgeois, Marcel Duchamp, Isa Genzken, On Kawara, Claes Oldenburg, Sigmar Polke, Bridget Riley, Andy Warhol und vielen mehr zu sehen.
Die Ausstellung ist inspiriert von Ray Bradburys 1953 erschienenem Science-Fiction-RomanFahrenheit 451 und dessen legendärer Verfilmung von François Truffaut. Bradbury entwirft das Bild einer Zukunft, in der literarische Werke aus der Gesellschaft verbannt sind. Die einzige Möglichkeit, sie für nachfolgende Generationen zu bewahren, liegt darin, die Werke zu erinnern. Die AusstellungDas imaginäre Museum führt in eine Zeit, in der die präsentierten Kunstwerke kurz vor ihrer Vernichtung stehen. So wie Bradburys „Büchermenschen“ die literarischen Werke nur durch Auswendiglernen vor dem Verschwinden bewahren können, lädt die Ausstellung die Besucher dazu ein, sich die gezeigten Werke einzuprägen. Die Betrachter können sich die Werkbeschriftungen mitnehmen und um ihre persönlichen Erinnerungen in Form von Skizzen, Notizen oder Zeichnungen ergänzen.
Der Ausstellungstitel verweist auf das „Musée imaginaire“ des französischen Schriftstellers und Politikers André Malraux (1901–1976), der die These vertrat, dass sich ein jeder durch die fotografische Reproduktion von Werken sein persönliches Museum zusammenstellen könne – losgelöst von Zeit und Raum. „Das imaginäre Museum“ schafft, so Malraux, eine Kunst der Fiktion, in der die Wirklichkeit wie in Romanen von der Fantasie abhängig ist.”


Ich war schon im Vorfeld von der Idee beeindruckt, Bradburys Idee von den „lebenden Büchern” auf Bilder zu übertragen, und finde sie ganz hervorragend umgesetzt. Die leihgebenden Museen sind ein Garant dafür, dass hier Erstklassiges gezeigt wird, und dass Claes Oldenburgs „Soft Typewriter. Ghost Version” und Warhols „100 Campbell's Soup Cans” die Provenienz „Ehemalige Sammlung Karl Ströher, Darmstadt" tragen, kann dann - s.o.- zugleich melancholisch und auch ein bisschen stolz („kenn' ich seit Jahrzehnten ...”) machen.




Blick in die Ausstellung. Rechts Sigmar Polkes „Potato Machine”,
links Boettis „Order and Disorder”,
im Hintergrund Ron Muecks befremdlicher Teenager 





Boetti, Order and Disorder, Detail

Uns Laien werden die Kunstwerke und ihre Bedeutung auf eine unbedingt weltweit kopierwerte Art ganz wörtlich nahe gebracht: Fotografieren ist erlaubt, und die Beschreibung ist auf Abreißblöcken zum Mitnehmen gedruckt, was neben dem „getrost nach Hause tragen können” den weiteren ungeheuren Vorteil hat (besonders gegenüber uns, die gerade vom Gegenteil besucherfreundlicher Beschilderung im Liebieghaus kamen): es bedarf zum Lesen weder Verrenkungen noch eines Vergrößerungsglases! In einem Video stellt der Kurator Peter Gorschlüter hier auf youtube die Ausstellung und ihr Programm ausführlich vor.



Bildbeschreibung als Abreissblock - 
das will ich immer und überall haben! 


Bis zum September werden jetzt also Stück für Stück dieser außergewöhnlichen Kunstwerke materiell verschwinden und danach in Frankfurt nur bestehen bleiben können, wenn sich Menschen finden, die sie „imaginieren” im wunderbar-wörtlichen Sinn dieses schönen Wortes.

Neben Begleitveranstaltungen, bei denen unter anderem die Kunst des Erinnerns gelehrt werden soll, können sich alle Interessierte hier als „Bildermensch” bewerben und damit Teil dieser Idee werden.

Und zur Unterstützung in den „sozialen Medien” sollen Besuche und Eindrücke den Hashtag

  #ImaginedMuseum 


tragen - bitte sehr!

Allen McCollum: Plaster Surrogates

Nachtrag am 13. 9. 2016: 

Zum Finale schreibt Sandra Danicke hier in der Frankfurter Rundschau:

Man versucht, sich zu erinnern und vergleicht das Ergebnis mit den Werkbeschreibungen, die noch immer als Zettel an den Wänden hängen. Die Bilanz fällt beschämend aus. Viel mehr als man dachte, hat man vergessen.” 







Im Liebieghaus: Triumph der Bilder - Fotografieren verboten

Ich habe es gestern auf Facebook ja schon kurz erwähnt: an der Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus ist natürlich zu kritisieren, dass sie ausgerechnet unter dem Titel „Triumph der Bilder” - das Fotografieren verbietet.
Eingang zum Museum Liebieghaus, Frankfurt -
"Legt ab, Ihr Sterblichen,
alles, womit Ihr Euch Bilder machen könntet"

Blöderweise sind außerdem die Beschilderungen mal wieder auf eine regelrecht besucherverachtende Art gestaltet und angebracht. Es geht einfach nicht an, Ausstellungsgegenstände so gedankenlos zu beschildern. Eine 2 Meter große Statue am Sockel (!) in schätzungsweise 12 Pt. kleiner Schrift, weiß auf schwarz, zu „beschreiben”, heißt doch eigentlich „Es ist mir scheißegal, ob Ihr das lest. Leiht Euch halt nen Audioguide!” (der allerdings so profane Informationen wie Alter und Provenienz der Gegenstände sowieso nicht bietet).

Dazu kommt, dass - unabänderlicherweise - ein Großteil der Statuen eben nicht die verlorenen griechische (Bronze-)Originale, sondern griechische oder römische (Marmor-)Kopien sind. Dann aber bei der Beschriftung zwar die Epoche, gerne auch den Künstler des Originals zu nennen, die Kopie aber nicht zu datieren, ist einfach unprofessionell. Und ob die ausgestellten Gegenstände wirklich das schummerige Licht benötigen, das offenbar Stimmung erzeigen soll, wage ich zu bezweifeln. Die marmornen Statuen, erst recht die - zahlreichen - gipsernen Kopien brauchen das jedenfalls nicht, und auch die amateurhaften Videos, die über manche Wände huschen, sind mehr als entbehrlich.

So. Trotzdem ist die Ausstellung eine Reise wert, und das „Digitorial”, das zur Einstimmung und Vorbereitung angeboten wird, erläutert ganz hervorragend, worum es geht. Auf der Website heißt es:  
Die große Sonderausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ eröffnet einen völlig neuen Blick auf die wirkmächtige Bilderwelt des hochklassischen Athen sowie dessen Prozessionen, Opfer und Feste – und erzählt zugleich den faszinierenden Gründungsmythos der Stadt.
Dieser Mythos drehte sich um das Leben des Erechtheus und seiner jungfräulichen Mutter Athena. Er bestimmte den Zyklus des attischen Kalenderjahres und seiner Rituale: vom Geburtsfest des späteren Königs von Attika bis zur Feier seines Opfertodes. Die Märchen schrieben sich aber nicht nur in die Zeremonien der Stadt ein. Sie bildeten auch den Ausgangspunkt für ein gewaltiges Kultur- und Bildprogramm – das bis heute vielleicht ehrgeizigste der westlichen Welt.
In einer dichten szenografischen Inszenierung durchläuft der Besucher zwölf Räume und damit die zwölf Monate des attischen Kalenders. Die Ausstellung versammelt über hundert bedeutsame Leihgaben aus den großen Sammlungen, etwa des British Museum, des Louvre oder der Vatikanischen Museen. Antike Mythen und Kulte werden anhand von grafischen und medialen Elementen zusätzlich lebhaft illustriert. Das hochklassische Athen und die Kulturlandschaft Attikas präsentieren sich so in ihrer ganzen urtümlichen Kraft.

Ja. Athen als Ergebnis des Masterplanes von Perikles und und Phidias mittels der religiösen Deutung des Jahreskreises zu präsentieren, gelingt überzeugend. Dazu kommt, dass die Rekonstruktion der beiden wunderbaren nackten Griechen, die überzeugend als  Erechtheus und Eumolpos, die Gegner im eleusinischen Krieg, gedeutet werden, einfach überwältigend ist (das oben verlinkte „Digitorial” zeigt in einer sehr guten Animation, wie die originalen Bronzenstatuen zur Rekonstruktion werden). Vielleicht ist es ja sogar besser, dass hier niemand auch noch fotografisch dokumentiert meinen ruinierten Altmännerkörper inmitten dieser Schönheiten bemittleiden muss. 

Und die paar Kleinigkeiten machen wir nächstes Mal besser, ok, Liebieghaus?

Donnerstag, 21. April 2016

Zum „Tag des Kindergartens” am 21. April



Martin Knepper macht auf den heutigen Tag des Kindergartens aufmerksam, der, wie ich mittlerweile herausgefunden habe, an Fröbels Geburtstag gefeiert wird. 

Ich gestehe, dass sich meine eigene Erfahrung auf genau einen Tag in einem solchen Etablissement beschränkte - mein eiserner Wille, das mütterliche Schürzenband noch nicht los zu lassen, konnte nicht gebrochen werden, und so verzichtete die weise Pfarrfrau, meine Mutter, darauf, im ganzen Dorf als Rabenmutter verschrien zu werden, weil sich ihr Kind im Kindergarten unflätig aufführte. Mein eigenes Kind dagegen ging gerne in eine private Krabbelgruppe und war später ein fröhliches Kindergartenkind.






Mein erster und einziger Kindergartentag. 1959




Wer’s mag, findet dazu inspirierende Lektüre:


Über Friedrich Fröbel


Über seine Schülerin Margarethe Meyer-Schurz, die den ersten Kindergarten in den USA gründete (und mit dem deutschen Revolutionär und späteren US-Innenminister Carl Schurz verheiratet war).


Über die völlig unterschätzte Louise Scheppler, deren Kleinkinderschule sechzig Jahre vor Fröbel gegründet wurde


Und natürlich gibt’s dazu zahlreiche Büchner-Assoziationen:

  • Luise Büchner kannte Texte von Johanna Goldschmidt über den Hamburger Fröbelschen Kindergarten und die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und wünschte entsprechende Ausbildung in Darmstadt.
  • Louise Scheppler war die verdiente Mitarbeiterin Friedrich Oberlins im Steintal, der das Tagebuch über Lenz schrieb, das Georg Büchner zur Grundlage seiner Novelle machte;
  • Carl Schurz war Teilnehmer an dem Treffen deutscher Revolutionäre in London, an dem auch Alexander Büchner teilnahm und in dessen Folge er in Darmstadt die Zulassung als Rechtsanwalt verlor;
  • Wilhelm Büchner war als Gemeindevertreter ein Mentor der Gründung des Pfungstädter Kindergartens 













Mittwoch, 6. April 2016

Stadt der Frauen - na und?

Im Berliner Ephraimspalais zeigt die dort ansässige Stiftung Stadtmuseum Berlin in Zusammenarbeit mit dem Lette-Verein unter dem Titel „Berlin - Stadt der Frauen” eine Präsentation von „20 Biografien, die Geschichte erzählen” (website).

Am Freitag, dem 1. April, habe ich sie für etwa 2 Stunden besucht.

Berlin, Ephraimspalais. Eingang mit Ausstellungshinweis 

Durchgängig freundlich bis euphorisch formulierte Besprechungen hatten Erwartungen geweckt - so Tilmann Krause in der WELT, Maria Ossowski für den rbb, auch Antje Allroggen führte ihr Gespräch mit der Kuratorin Martine Weinland für den Deutschlandfunk mit freundlicher Zustimmung, und die Bloggerin Doris Lautenbach  beendet ihre Besprechnung „Die unbedingt sehenswerte Ausstellung ist eine Kooperation mit dem LETTE VEREIN BERLIN, der, gegründet zur „Förderung des weiblichen Geschlechts“ jetzt 150-jähriges Jubiläum feiert.”

Was gibt es zu sehen? 

Die meist knappen Lebensdaten von Frauen, die in den letzten 200 Jahren in Berlin gelebt und gearbeitet haben, werden mit unterschiedlich ausführlichen Materialien präsentiert. 

Blick in den Raum über Käthe Kollwitz

Der Text zu Anna Schepeler-Lette

Büste der Anna Schepeler-Lette 

Letztlich blieb mir unerfindlich, warum nun gerade diese Frauen ausgewählt und, erst recht, warum andere ausgelassen wurden. Glücklicherweise kann sich das Berlin der letzten 200 Jahre ja auf ein paar mehr als nur diese bemerkenswerten Frauen berufen, und auf einige nicht präsentierte wohl mehr als auf einige der Ausgewählten. 

Befremdlich scheint mir das Fehlen von Rosa Luxemburg und Clara Zettkin, von Helene Weigel und Gisela May (die übrigens unweit des Ausstellungsortes lebt ...), von Gabriele Tergit und Anne-Marie Fabian und und und ... 

Nun ist es das gute Recht und die unvermeidliche Pflicht von Ausstellungsmacherinnen, auszuwählen und vorzuziehen. Eine solche Auswahl ist im gute Falle verständlich und im besseren auch noch erläutert. Davon kann hier leider keine Rede sein. 

Außerdem soll das Präsentierte repräsentativ sein und wesentliche Informationen nicht vorsätzlich verschweigen. 

Zu den vorgestellten Künstlerinnen gehört die wunderbare Renée Sintenis (1888 - 1965). Ganz unabhängig von der Ausstellung waren wir im Vorfeld auf sie und ihr Werk gestoßen und hatten uns ein wenig vorbereitet - immerhin steht auf dem Berliner Renee-Sintenis-Platz ihr wunderschönes „Grasendes Fohlen” (ein Hinweis auf den Platz fehlt in der Ausstellung). 

Renèe Sintenis. Grasendes Fohlen (1929)

Und in der höchst sehenswerten, gleichzeitigen Ausstellung „Die schwarzen Jahre” im Hamburger Bahnhof stehen mehrere ihrer Werke, darunter dieser schöne Knabenkopf: 



Renè Sintenis: Portraitbüste des Carl Alexander von Uexküll (1943),
des Sohnes der (in der Ausstellung ebenfalls unerwähnt gebliebenen)
Nadine von Radowitz und Edgar von Uexkülls 
Es hat uns in der Vorbereitung unserer Reise wenig Mühe gekostet, über Renée Sintenis mehr herauszufinden als das, was diese bedauernswert dürftige Präsentation bietet. Leider ist das kein Einzelfall; auch zur wahrhaft bedeutenden Hedwig Dohm oder zu Anna Schepeler-Lette bietet die Austellung weniger als wikipedia. 


Zentraler Raum im 2. OG, der zur Kommunikation über die Ausstellung hinaus einladen soll 
Am Ende der Aufreihung von Beliebigkeiten von Personen und Gegenständen landet die geneigte Besucherin in der oben abgebildeten Endstation, von wo die Aufforderung ausgehen soll, in „sozialen Medien” unter dem hashtag #stadtderfrauen Stellung dazu zu beziehen, ob Berlin 2016 „Deine Stadt der Frauen” ist. So recht virulent ist das noch nicht, ich finde bei twitter seit dem 1. April sage und schreibe 10 Einträge - was ja vielleicht insofern besser ist, als dann ja auch weniger Besucherinnen enttäuscht werden.

Der Sache der Frauen und Feminismus wird hier jedenfalls kein Gefallen getan - mit einem solchen Aufwand weiter nichts zu präsentieren als 20 durch nichts als durch Ort, Zeit und Geschlecht verbundene Biografien lässt sich nicht rechtfertigen. Es gab bedeutende Frauen in Berlin der letzen 150 Jahre. Ja.  Politische. Malende. Schreibende. Skandalöse. Forschende. Entdeckende. Und jede einzelne dieser Kategorien verdiente eine angemessene Präsentation. Aber keine Frau hat es verdient, so beliebig - vorgeführt zu werden.